Hund abgeben – ja oder nein?
Ein Blick mit Herz, Verstand und Verantwortung
Es ist ein Thema, das vielen schwerfällt und doch kommt es leider immer mal wieder vor: Die Entscheidung, den eigenen Vierbeiner abzugeben. Für einige ist es eine Erleichterung, für andere ein seelischer Kollaps. Als Hundetrainerin/Tierpsychologin, die nach den Prinzipien der Bedürfnisorientierung, Fairness, positiver Verstärkung und absoluter Gewaltfreiheit arbeitet, möchte ich dich heute auf eine ehrliche, aber mitfühlende Reise mitnehmen.
Denn es geht nicht nur um eine Entscheidung, es geht um ein fühlendes Lebewesen, um Verantwortung und um Herz.
Wenn ein Hund ins Leben tritt
Eine Fellnase zieht ein und mit ihm ein ganzes Paket an Bedürfnissen, Emotionen, Lernprozessen und Herausforderungen. Vielleicht hast du dir einen treuen Begleiter gewünscht, einen sportlichen Partner oder einen Familienhund. Was viele jedoch unterschätzen: Hunde sind fühlende, soziale Wesen, die sich tief binden und lernen, sich auf uns zu verlassen. Sie gewöhnen sich an unsere Stimmen, unsere Routinen, unser Zuhause, sie werden Teil unserer Welt.
Und wir, wir werden für sie die Welt.
Doch was passiert, wenn das Leben plötzlich nicht mehr passt?
Gründe für eine Abgabe und warum sie differenziert betrachtet werden sollten
Es gibt Situationen, in denen eine Abgabe eher verständlich, manchmal sogar notwendig sein kann. Eine schwere Erkrankung, ein Todesfall, plötzliche Obdachlosigkeit, psychische Ausnahmesituationen, denn es wäre unfair, darüber zu urteilen, ohne die Tiefe der Geschichte zu kennen.
Aber: Immer häufiger erlebe ich in meiner Arbeit auch andere Gründe. Gründe, die aus einer Mischung aus Überforderung, unrealistischen Erwartungen, mangelnder Aufklärung oder schlicht Ungeduld entstehen.
„Er ist nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben.“
„Er hört einfach nicht.“
„Wir haben keine Zeit mehr.“
„Er ist zu anstrengend.“
„Das Baby kommt.“
Solche Aussagen lassen mich nicht kalt, denn sie zeigen nicht das Versagen des Hundes, sondern ein System, das an vielen Stellen keine oder zu wenig Unterstützung bietet: bei der Auswahl des passenden Vierbeiners und Aufklärung bei Adoption, bei der Vorbereitung auf ein gemeinsames Leben, bei der Begleitung durch die ersten herausfordernden Wochen/Monate und bei der Schulung von Empathie und Verständnis für hundliche Kommunikation.
Was bedeutet eine Abgabe für den Hund?
Stell dir vor, du verlierst alles, was dir vertraut ist: dein Zuhause, deine Bezugsperson(en), dein sicheres Bett, deine Routinen uvm.
Ein Hund versteht nicht, warum er plötzlich abgegeben wird, er spürt nur den Verlust. Selbst, wenn er in liebevolle Hände kommt: Die Trennung ist oft traumatisch. Viele Hunde entwickeln Ängste, Stresssymptome, Verhaltensauffälligkeiten. Manche Hunde hören auf zu fressen, ziehen sich zurück, jaulen, zeigen Trennungsstress, selbst Jahre später noch.
Und ich habe es selbst erlebt, bei meinem ersten Hund Benni, der seinen Halter auf tragische Weise (Tod) verloren hat, er verstand die Welt nicht mehr, litt, hatte Albträume, es war für uns und vor allem für die Fellnase eine schwierige Zeit, er musste erst in seinem neuen Zuhause, also bei uns, ankommen, er hat sehr lange gebraucht, um wieder Vertrauen aufzubauen. Hier war unsererseits Verständnis und vor allem Geduld gefragt. Ein Hund „funktioniert“ nämlich nicht einfach neu, er leidet, teils still, oft übersehen, aber tief.
Was braucht es stattdessen?
Mehr Aufklärung vor der Anschaffung: Nicht jeder Hund passt in jedes Leben. Nicht jede Rasse ist für jede Familie geeignet. Bedürfnisse, Energielevel, Charakter, Vergangenheit, all das muss bedacht werden. Nicht jeder Hund ist ein „Familienhund“. Und das ist okay. Wichtig ist, ehrlich hinzuschauen.
Frühzeitige, kompetente Begleitung: Ein Hundetraining, das auf Vertrauen, Verbindung und Verständnis basiert, kann Brücken bauen. Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Kommunikation und echtes Verstehen. Oft lassen sich Probleme lösen, wenn wir bereit sind, den Hund wirklich zu sehen und nicht nur zu erwarten, dass er funktioniert.
Unterstützung statt Verurteilung: Manche Menschen schämen sich so sehr, dass sie sich niemandem anvertrauen, bevor sie die letzte Konsequenz – die Abgabe – wählen. Dabei könnte gerade ein offenes, nicht-wertendes Gespräch vieles verändern. Lasst uns mehr Räume schaffen, in denen echte Hilfe möglich ist.
Und wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt?
Dann hat der Hund es verdient, mit Würde und Mitgefühl abgegeben zu werden. Transparenz über seine Bedürfnisse, klare Informationen für die neue Familie, eine behutsame Übergabe, liebevolle Vorbereitung – all das kann helfen, den Schmerz für alle Beteiligten zu lindern.
Aber: Bitte prüfe vorher alle Möglichkeiten, manchmal ist Veränderung möglich – nicht beim Hund, sondern in deinem Blick auf ihn und was sich dann verändert, ist oft magisch.
Abschließend: Ein Appell aus dem Herzen
Ein Hund ist kein Möbelstück, das bei Nichtgefallen weitergegeben werden kann.
Er ist ein fühlendes Lebewesen, mit Seele, mit Geschichte und mit Vertrauen in uns.
Wenn wir uns für einen Vierbeiner entscheiden, entscheiden wir uns für Verantwortung, in guten wie auch in schlechten Zeiten!
Und ja, das Leben ist manchmal schwer und unvorhersehbar, aber gerade dann zeigt sich, wie tief unsere Verbindung reicht. Bevor du also deinen tierischen Wegbegleiter abgibst, frag dich: „Habe ich wirklich alles versucht?“
„Oder habe ich nur gehofft, dass es einfacher wird?“
Lass uns gemeinsam und mit offenem Herzen hinschauen – ehrlich, mit Mitgefühl und dem Vertrauen darauf, dass jede Beziehung, auch die zwischen Mensch und Hund, eine zweite Chance verdient.
Herzlich,
Deine
Franzi
