Belohnung

sollte sich gut anfühlen.

Ich habe das mit Tiramisu gelernt.

Ich liebe Tiramisu, wirklich! Trotzdem gab es diesen einen Moment, da hätte man mir mit einem weiteren Stück ganz sicher keine Freude bereitet. Ich war satt, nicht nur etwas, sondern so richtig. Zu diesem Zeitpunkt wäre Tiramisu keine Belohnung gewesen, obwohl es grundsätzlich etwas ist, das ich sehr mag. Es wäre einfach unpassend gewesen, zu viel davon und zur falschen Zeit.

Daran denke ich oft, wenn es um Belohnungen in der Hundeerziehung/im Hundetraining geht.

Bevor das aber jetzt gänzlich falsch verstanden wird: Ich arbeite mit Belohnungen, sehr bewusst sogar. Positive Verstärkung halte ich für unglaublich wichtig, fair, lernfördernd und beziehungsstärkend. Jeden Tag sehe ich es, auch bei Molly, wie viel Sicherheit, Motivation und Vertrauen dadurch entstehen kann, aber eben nur dann, wenn Belohnung wirklich Belohnung ist, vor allem für den, der diese erhält, nicht für den, der sie gibt.

Belohnung ist nichts Absolutes, nichts, das man einmal definiert und immer zuverlässig einsetzen kann. Sie entsteht im Zusammenspiel aus Situation, innerer Verfassung und Bedürfnis. Genau wie bei mir mit dem Tiramisu, nicht das Tiramisu war das Problem, sondern der Moment.

Im Hundetraining passiert ständig etwas Ähnliches. Futter ist selbstverständlich nichts Schlechtes, Spiel auch nicht, Lob ebenso wenig. Aber ein Vierbeiner der gestresst ist, kann meist sein Lieblingsleckerli nicht annehmen. Ein Hund, der überfordert ist von Reizen, kann Spiel oft nicht genießen und eine Fellnase, die gerade etwas anderes braucht, empfindet selbst die bestgemeinte Belohnung nicht als Verstärkung.

Positive Verstärkung bedeutet nicht: Ich gebe etwas Gutes.

Sie bedeutet: Das, was ich gebe, verstärkt dieses Verhalten, weil es sich für den tierischen Liebling in diesem Moment gut anfühlt.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Manchmal rutschen wir unbemerkt in Automatismen. Wir belohnen, weil man eben belohnt, es dazugehört, weil es richtig ist und wundern uns dann, warum das Verhalten nicht stabiler wird, warum der Hund zögert oder sogar aussteigt. Dabei funktioniert das Lernen völlig korrekt – nur unsere Annahme darüber, was gerade verstärkend ist, stimmt nicht immer.

Belohnungen verlieren ihre Wirkung nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie nicht in jeder Situation passen.

Für mich ist genau das der Kern von fairer, moderner positiver Verstärkung: nicht nur möglichst viel, hochwertig und konsequent, sondern stimmig. Wahrnehmungsbasiert und im Dialog.

Die beste Verstärkung ist manchmal ein Keks, aber auch Distanzverringerung oder -vergrößerung zu einem Reiz oder auch Schnüffeln/Buddeln, Wälzen in einer Dreckpfütze und gelegentlich ist es einfach eine Pause.

So wie ich in diesem Moment ganz sicher keinen noch so kleinen Löffel Nachtisch mehr gebraucht hätte, sondern einfach ein Sofa.

Belohnungen sind wichtig, sie sind u. a. ein Schlüssel zu Lernen und mehr Vertrauen, aber sie funktionieren nur dann zuverlässig, wenn wir bereit sind, sie immer wieder neu zu hinterfragen.

Vielleicht ist das die ehrlichste Form der positiven Verstärkung: nicht zu fragen, was sollte jetzt belohnend sein, sondern was fühlt sich gegenwärtig tatsächlich für den Hund gut und richtig an.

Des weiteren sollten wir das gemeinsame Lernen in seiner Gesamtheit im Blick behalten und auch was für uns selbst als Halter:innen wichtig ist, hierzu aber in einem weiteren Beitrag mehr – ganz bald.

Und ja – manchmal ist das ganz sicher kein Tiramisu.

Schönen Wochenstart Ihr Lieben!