„Ignorier ihn einfach, dann hört die Angst schon auf.“

„Ignorier ihn einfach“ ist ein hartnäckiger Mythos – gerade an Silvester, wenn viele Hunde deutlich sensibler reagieren und Welpen mit dieser Reizfülle noch völlig überfordert sein können. Wie solche Erfahrungen abgespeichert werden, lässt sich nicht vorhersagen. Umso wichtiger ist es, ihnen Sicherheit zu geben und sie in diesen Momenten nicht allein zu lassen. Und auch bitte nicht mit vor die Tür nehmen, um das Feuerwerk zu bestaunen.

Warum der folgende Rat Hunden schadet

„Wenn dein Hund Angst hat, darfst du ihn auf keinen Fall beachten.“
Dieser Rat hält sich leider immer noch – in einigen Hundeschulen, in sozialen Medien und auch in gut gemeinten Gesprächen unter Hundehalter:innen.

Dabei widerspricht er allem, was wir heute über Emotionen, Stressverarbeitung und Lernprozesse beim Hund wissen. Angst ist kein Verhalten, das bewusst gezeigt wird, sondern eine automatische emotionale Reaktion des Nervensystems. Wird ein Vierbeiner in dieser Situation ignoriert, fehlt ihm die wichtigste Ressource zur Regulation: sein Mensch.

Statt Sicherheit zu erfahren, lernt der Hund, dass er mit seiner Angst allein ist. Das kann die emotionale Belastung verstärken und langfristig das Vertrauen in den Menschen beeinträchtigen – gerade in sensiblen Phasen oder bei jungen Hunden, die Orientierung und Schutz noch besonders dringend benötigen.

Angst ist keine Unart, kein Trotz und kein Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen. Angst ist ein Gefühl und dieses kann man nicht einfach „aberziehen“.
Wenn ein Vierbeiner Angst hat: vor Geräuschen, fremden Menschen, anderen Hunden oder bestimmten Situationen, dann braucht er vor allem eines: Sicherheit.

Stell dir vor, du hast große Angst und dein engster Vertrauter wendet sich demonstrativ von dir ab. Genau das erlebt ein Hund, wenn wir ihn in seiner Angst ignorieren.

Hunde lernen durch Verknüpfungen. Hat deine Fellnase Angst und erlebt gleichzeitig, dass du nicht erreichbar bist, entsteht im Gehirn eine gefährliche Verbindung:

„Ich bin allein und nicht sicher.“

Das kann dazu führen, dass Ängste sich festigen oder sogar verstärken. Manche Hunde ziehen sich zurück, andere reagieren mit Flucht oder scheinbarer „Aggression“. Dies sind alles Strategien, um mit Überforderung umzugehen.


„Wenn ich meinen Hund tröste, bestätige ich seine Angst.“ NO!

Das Gegenteil ist der Fall.
Ruhige, klare Nähe wirkt regulierend. Dein Hund lernt:

„Ich habe Angst – aber mein Mensch ist da. Ich bin nicht allein.“

Dabei geht es nicht um panisches Bemitleiden oder hektisches Verhalten, sondern um präsente, ruhige Unterstützung:

  • eine ruhige Stimme
  • ein sicheres Dasein
  • ein verlässlicher Körperkontakt, wenn der Hund ihn sucht

Das ist kein Verstärken von Angst, sondern das ist Co-Regulation.

Für deinen Hund bist du Orientierung, Schutz und Vertrauen.
Wenn du in angstauslösenden Situationen verlässlich bleibst, vermittelst du etwas unglaublich Wertvolles: Sicherheit. Genau daraus entsteht Mut, nicht aus Ignoranz.

Natürlich bedeutet das nicht, den Hund dauerhaft in seiner Angst „festzuhalten“. Langfristig geht es darum, Auslöser kleinschrittig anzugehen, Management zu betreiben und dem Hund neue, positive Erfahrungen zu ermöglichen.

ABER der erste Schritt sollte immer Verständnis sein.